«Oh nein, nicht schon wieder!»

Warum Belinda Bencic (21) in der Slowakei trainiert, statt beim Heimturnier in Lugano zu spielen.

Sie will nicht sprechen. Sagt der Manager. Das wolle sie nie, wenn sie verletzt sei oder nicht spiele. Dabei gibt es vieles, über das es sich zu sprechen lohnen würde: die Verletzung am rechten Fuss, die sie an der Teilnahme beim Heimturnier in Lugano hindert. Über die vergangenen Monate, die ihr nicht die Resultate gebracht haben, die der verheissungsvolle Start ins neue Jahr mit dem Sieg gegen Venus Williams bei den Australian Open versprochen hatte. Oder über die Gründe, warum es in der Schweiz nicht so gut läuft wie anderswo. Vor zwei Jahren war Belinda Bencic 18-jährig schon die Nummer sieben der Welt. Das Gesicht für das neue Frauen-Turnier in Biel, sicher auch ein kostspieliges. Es hat sich nicht bewährt: im Vorjahr steckte sie in einer Krise. Nun, nachdem das Turnier nach Lugano gezügelt ist, fehlt Bencic verletzt, mal wieder. Doch den Mut hat sie nicht verloren. Und ihre Stimme auch nicht. Am Freitag, kurz vor 09.00 Uhr klingelt das Telefon. Am anderen Ende: Belinda Bencic. Das Protokoll.

Belinda Bencic, hatten Sie schon Frühstück?
Belinda Bencic: Sicher, wie immer. Oatmeal (Haferbrei, Anm. d. Red.) mit Kokosnuss, Milch und einer Banane.

Danke für den Anruf. Ihr Manager meinte, Sie hätten maximal 15 Minuten Zeit, wir beeilen uns also.
Ach was, das ist doch kein Problem. Ich bin gerade in der Slowakei und auf dem Weg ins Training. Ich habe also Zeit.

Es ist die langweiligste Frage, aber wir stellen sie trotzdem: Wie geht es Ihnen eigentlich?
Langweilig, aber wichtig! Nicht so gut mit meinem Fuss. Ich gehe an Krücken, kann kaum laufen, es ist bitter und sehr schmerzhaft. Ich kann es nicht anders sagen: Es ist scheisse. (lacht)

Können Sie uns erklären, was für eine Verletzung Sie genau haben?
Es ist beim dritten Zeh am Vorfuss. Es ist aber keine Stressfraktur, wie viele geschrieben haben. Es ist zwar nichts gebrochen, aber stark entzündet. Rund um den Knochen hat es Flüssigkeit und das ist sehr schmerzhaft. Wenn ich einfach weitergemacht hätte, hätte ich einen Ermüdungsbruch riskiert. Ich kann also nichts machen und muss einfach Geduld haben. Ich schätze, dass ich vier bis sechs Wochen Pause machen muss. Es hängt davon ab, wie stark die Schmerzen sind. Die nächsten Turniere habe ich jedenfalls abgesagt. Wann ich zurückkomme, weiss ich noch nicht.

Ich kann kaum laufen, es ist bitter und sehr schmerzhaft. Wann ich zurückkomme, weiss ich noch nicht

Wie können Sie denn trainieren?
Ich gehe derzeit ins Gym und mache, was geht. Laufen kann ich nicht, aber ich kann aufs Velo, mache Aquajogging und gehe zur Massage und zur Physio. Ich mache gerne Yoga, aber auch das ist jetzt zu anstrengend. Ich bin froh, dass ich jetzt überhaupt wieder etwas machen kann, in der ersten Woche ging das noch gar nicht. Jetzt ist mein Tag fast noch voller, als wenn ich fit wäre.

Sie hatten in den vergangenen Jahren viele Verletzungen. Hilft diese Erfahrung, wenn es wieder passiert?
Nicht unbedingt. Ich denke mir eher: Oh nein, nicht schon wieder. Es fällt mir dann eher schwer, zu verstehen, wieso es schon wieder mich trifft. Das ist schon extrem frustrierend. Aber es gibt auch gute Seiten: Über Ostern war ich bei meiner Familie in Schwyz und habe meinen Bruder Brian und meine Grosseltern nach langer Zeit endlich wieder einmal gesehen.

Wie wichtig ist diese Ablenkung?
Sehr. Mein Team und meine Kollegen machen es mir einfacher. Denn dass es gerade jetzt passiert, trifft mich schon: Das Heimturnier in Lugano, die Partie im Fed Cup – das wären für mich zwei absolute Höhepunkte gewesen. Dazu habe ich jetzt seit zwei Jahren nicht mehr auf Sand gespielt. Es ist schon ein wenig wie in einem schlechten Traum. Andererseits sage ich mir: Dann habe ich Zeit für andere Dinge.

Traumhaft war dafür der Start ins neue Jahr mit dem Sieg gegen Venus Williams in Australien. Wie beurteilen Sie die vergangenen drei Monate?
Definitiv positiv. Nach meinen vielen Verletzungen und der Operation im vergangenen Jahr habe ich nicht erwartet, dass ich nach so kurzer Zeit wieder in den Top 70 bin. Ich würde also sagen, dass die vergangenen Monate sehr gut gelaufen sind – von den Resultaten her, aber auch von der Leistung. Bei den beiden letzten Turnieren in Acapulco und in Indian Wells ist es nicht so gut gelaufen, aber das gehört dazu. Ich kann und will mich nicht beklagen. Die letzten Monate sehe ich durchwegs positiv.

In Acapulco gab es eine Szene, wo Sie zu Ihrem Trainer gesagt haben: «Ich kann nicht mehr. Ich hasse diesen Platz. Es geht hier nicht mehr um Tennis.» Was war da los?
Ich bin ein sehr emotionaler Mensch, Sie kennen mich ja. Ich war ein bisschen frustriert und sauer, weil mir der Match nicht so gelungen ist, wie ich es gehofft hatte. Ich brauche das manchmal, um Dampf abzulassen. Auf dem Platz bin ich so, da kann ich sehr sauer werden, das habe ich, seit ich klein bin. Neben dem Platz, würde ich sagen, bin ich eigentlich sehr nett. (lacht)

Haben Sie sich einmal geschämt, als Sie später gesehen haben, wie Sie sich auf dem Platz verhalten haben?
Ich habe mir schon gedacht: Ja, das hat jetzt etwas blöd ausgesehen und war kindisch. Auf der anderen Seite bin ich so, ist der Sport so. Dazu kommt: Im Fernsehen sieht man ja diese Spannung nicht. Aber ich weiss immer, wie ich mich in dem Moment gefühlt habe.

Arbeiten Sie daran, das besser kanalisieren zu können, oder sagen Sie sich: Das gehört zu mir?
Ich versuche, es im Mass zu behalten. Aber ich will auch keine ruhige Spielerin werden, die keine Emotionen zeigt. Das wäre nicht ich. Es geht darum, mein Spiel nicht kaputtzumachen und mich selber zu schlagen. Es war schon schlimmer mit dem Schlägerwerfen.

Ich habe mir schon gedacht: Ja, das hat jetzt etwas blöd ausgesehen und war kindisch. Aber so bin ich eben

Roger Federer war in dem Alter ähnlich. Haben Sie sich schon einmal mit ihm darüber unterhalten?
Ja, natürlich. Er ist schon viel entspannter, er hat auch schon so viel erreicht. Er hat mir gesagt: Wenn du älter und erfahrener wirst, bist du nicht mehr so nervös. In Perth, wo wir zusammen im Hopman Cup gespielt haben, haben wir uns oft über solche Dinge unterhalten.

Sind Sie denn noch so nervös vor Spielen wie zu Beginn der Karriere?
Ich bin nicht so zappelig wie andere, aber nervös bin ich schon. Das ist auch wichtig. Es zeigt mir, dass es mir nicht egal ist. Mir sind meine Rituale wichtig und ich bin gerne für mich alleine und mache keine Witze mehr. Es ist aber auch schon vorgekommen, dass ich vor Nervosität Bauchweh hatte.

Stichwort Emotionen: Haben Sie mitbekommen, dass Federers Mutter Lynette in Melbourne wegen Ihnen vor Rührung weinen musste?
Ja, habe ich! Das war so herzig und es hat mir mega viel bedeutet, dass sie und Robert gekommen sind. Sie haben mich gefragt, ob sie kommen dürfen und ob ich Tickets organisieren könnte. Das habe ich natürlich gerne gemacht. Wenn man solche Emotionen erleben und auslösen darf, sind alle schlechten Momente ver gessen. Dieses Gefühl überrollt dann alles. Dieser Rausch, wenn du gewinnst, das ist das Grösste für einen Sportler.

Belinda Bencic, wir haben jetzt schon 25 Minuten telefoniert. Wir wollen Ihre Zeit nicht überstrapazieren. Was machen Sie heute noch?
Oh. Jetzt brauche ich einen Kaffee. Ich wünsche einen schönen Tag!

Belinda Bencic

Ihre Geschichte fasziniert, löst in der Schweiz aber auch Skepsis aus. Denn die Karriere von Belinda Bencic war von langer Hand geplant. Am 10. Mai 2004, als sie sieben Jahre alt ist, gründet Marcel Niederer, ein Freund von Vater Ivan, die Kollektivgesellschaft Bencic & Partner. Er finanziert den Aufstieg an die Weltspitze. Mit 16 ist Bencic die beste Juniorin der Welt. Mit 17 steht sie bei den US Open in den Viertelfinals. Mit 18 ist sie die Nummer 7 der Welt. Verletzungen, Formbaissen und die Abnabelung von Trainer und Vater Ivan haben sie seither zurückgeworfen. Heute lebt und trainiert Bencic in Wollerau und Trnava, Slowakei.

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