Zwischen den Extremen

Daniela Ryfs dritter Ironman-Sieg auf Hawaii offenbart einmal mehr ihr Dilemma.

Natürlich ist Daniela Ryf glücklich. Selbstredend erschöpft nach einer Tortur in sengender Hitze bei Temperaturen um die 30 Grad. Nach 3,86 Kilometer im Wasser, 180 Kilometer auf dem Rad und nach dem abschliessenden Marathon über 42,125 Kilometer steht die Solothurnerin beim Ironman auf Hawaii zum dritten Mal in Folge als Siegerin fest. Mit einer Gesamtzeit von 8:50:47 absolviert sie die Strecke in der Einöde von Big Island fast neun Minuten schneller als die Britin Lucy Charles, die das Rennen bis drei Kilometer vor dem Ende des Radabschnitts angeführt hatte.

Das pure Glück strahlt die 30-jährige Ryf dennoch nicht aus. Es ist eher eine Mischung aus mentaler Erschöpfung und Erleichterung, ihrer klarer Favoritenrolle gerecht geworden zu sein. Erst im September hatte sie in Chattanooga (USA) den WM-Titel über die Halbdistanz gewonnen. Drei Siege in Folge beim Ironman Hawaii hatten vor ihr zwar schon andere geschafft, aber keine war so jung wie Ryf heute.

Wie 2016, wo sie zwar körperlich in bester Verfassung gewesen war, aber kurz zuvor erstmals überhaupt einen Wettkampf hatte aufgeben müssen und ihr Trainer Brett Sutton sie als «mental schlecht drauf» bezeichnet hatte, war Ryf selbst auch in diesem Jahr ihre grösste Gegnerin. Konkurrenz spielt in ihrem Drehbuch in der Regel höchstens eine Nebenrolle. Dass sie die Führung erst kurz vor dem Wechsel auf die Laufstrecke übernimmt wie diesmal, ist ungewöhnlich. «Auf dem Rad habe ich probiert und probiert, aber es ging einfach nicht.»

Es ging mir nicht gut. Ich hatte Hitzewallungen, war nervös und hatte wenig Energie. Ich bin ans absolute Limit gekommen

Trotzdem fährt sie die beste Zeit. «Ohne Rücksicht auf Verluste bin ich quasi um mein Leben gefahren», sagt sie. Noch nie zuvor habe sie so hart um einen Ironman-Sieg kämpfen müssen. «Es ist schön, einmal ein Rennen zu gewinnen, bei dem nicht alles so einfach geht.» Schon am frühen Morgen habe sie gemerkt, dass es nicht ihr bester Tag sei. «Es ging mir nicht gut. Ich hatte Hitzewallungen, war nervös und hatte wenig Energie.» Deshalb nahm sie über eine Notration 1000 Kalorien mehr zu sich als üblich.

Erst vermutete Ryf gar Fieber, wie sie dem Schweizer Fernsehen sagte. Nach dem Zieldurchlauf sprach sie von einer Achterbahnfahrt der Gefühle, die sie durchlebt habe. Vom ständigen Kampf mit sich selbst. Von jenen Momenten zwischen den Extremen: der Euphorie und der totalen Erschöpfung – mental, aber auch körperlich. «Es war ein stetiger Dialog zwischen gut und schlecht. Ich bin absolut ans Limit gekommen.» Ihr eigenes Limit.

Ein Nachschub mit Bedeutung

Es ist das, was die Schweizerin noch antreibt: die Suche nach den eigenen Grenzen. Ryf ist nun dreifache Weltmeisterin über die Ironman-Distanz und dreifache Weltmeisterin über die halbe Ironman-Distanz. Sie gehört in allen drei Disziplinen zur Weltspitze. Auch wenn Ryf selber sagt, sie sei nicht unschlagbar, ist nicht absehbar, wer ihr in Zukunft auf der Langdistanz das Wasser reichen soll. Als sie zwei Tage vor dem Rennen ihren Formstand auf einer Skala von 1 bis 100 verorten soll, sagt sie «100. Von 100 möglichen in diesem Jahr.»

Dieser Nachschub sagt vielleicht mehr über die Denkweise von Ryf aus als alle ihre Resultate. Diese zeigen, dass sie sich längst nicht mehr an anderen misst. Ihr bleibt nur noch eine echte Referenz: sie selbst. In der Blüte der Laufbahn steckt Ryf damit im Dilemma. Siege sind für sie Normalität geworden. Sie sagt: «Niederlagen motivieren mich.» Nur: Sie verliert praktisch nie. Das ist ein Problem, denn die Schweizerin tut sich offenbar schwer damit, für sich neue Ziele und Herausforderungen zu formulieren.

Im Weltrekord sah sie für kurze Zeit eine solche. Doch nach einem in Rohr im Sommer gescheitertem Versuch hat sie sich davon abgewandt. Es gehe beim Triathlon nicht darum, möglichst schnell zu sein, sondern um das bestmögliche Rennen unter den existierenden Umständen. Auf Hawaii, glaubt sie, habe sie dies noch lange nicht geschafft. «Ich kann noch schneller sein», sagt die 30-jährige Solothurnerin. «Ich habe das Gefühl, dass ich mein Maximum noch lange nicht erreicht habe.» Wo dieses liegt? Ryf weiss es nicht. Niemand weiss das.

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