Die Existenzfrage

Als die Talsohle erreicht war, griff Stan Wawrinka zum Hörer und rief Magnus Norman an.

Nach dem Regen kommt die Sonne. Immer. Das schrieb Stan Wawrinka am Mittwoch, am Tag, bevor er sich aufmachte nach Rom, an den Ort, mit dem der Romand so viele Hoffnungen verknüpft. Nach schwierigen Monaten fasst er wieder Mut und versprüht Zuversicht. Das ist nicht selbstverständlich. Zweifel sind sein ständiger Begleiter geworden, seit er sich im letzten Spätsommer zwei Eingriffen am linken Knie unterzogen hat, um einen Knorpelschaden zu beheben.

Wawrinka sah die Pause damals als Konzession an seine Zukunft. Doch er war nicht vorbereitet auf die emotionale Berg-und-Tal-Fahrt. Acht Wochen ging er an Krücken. Vier Monate konnte er nicht zum Racket greifen. Der 33-Jährige fiel in ein Loch, sprach später von depressiven Episoden und der lähmenden Einsamkeit. Auch darum kehrte er im Januar zurück, obwohl sein Körper nicht bereit war. Er wollte zurück auf den Platz, vor allem aber auch zurück in ein Leben der Routinen zwischen Training, Spielen und Reisen. Ihm hatten der Stress und das Adrenalin des Wettkampfs gefehlt.

Die Angst vor dem grossen Loch

Doch er zahlte einen hohen Preis. Er gewann nur drei von sieben Spielen und verlor gegen Spieler, die einmal ihren Enkeln davon erzählen werden. Letztmals spielte er im Februar in Marseille. Es endete mit Tränen. «Danach fragte ich mich ernsthaft, ob die Zeit nicht gekommen sei, um zurückzutreten», sagte er gegenüber «Le Matin Dimanche». Er, der einst über den Rücktritt sagte, er bereite ihm Angst, «denn dann kommt vermutlich das grosse Loch».

Ich fragte mich ernsthaft, ob die Zeit nicht gekommen sei, um zurückzutreten

Nun sagt er, diese Gedanken seien verschwunden. Das hat viel mit jenem Mann zu tun, von dem sich Wawrinka in den schwärzesten Stunden seiner Karriere, in denen die Frage nach dem Sinn und Unsinn seines Wirkens wie ein Damoklesschwert über ihm schwebte, im Stich gelassen gefühlt hatte: Magnus Norman. Der Schwede hatte die Zusammenarbeit im letzten Herbst nach vier Jahren beendet, weil er mehr Zeit mit seiner Familie verbringen wollte. Den loyalen Wawrinka hat das verletzt, denn mit Norman feierte er seine grössten Erfolge. Er gewann drei Grand-Slam-Turniere, war die Nummer drei der Welt. Er wurde zu einer Kapazität.

Mit Magnus Norman an seiner Seite gewann Stan Wawrinka drei Grand-Slam-Titel.

Der Trainerposten ist bis heute verwaist. Erst war Wawrinka zu sehr mit sich selbst beschäftigt, dann wurde man den Eindruck nicht los, dass er insgeheim darauf hoffte, dass Norman zurückkehren würde. Als Wawrinka die Talsohle erreicht hatte, griff er selber zum Hörer und rief ihn an. «Ich habe ihn gefragt, ob er mir zumindest in der Vorbereitung auf mein Comeback helfen würde», sagte Wawrinka der «NZZ am Sonntag». Norman sei mehr als ein Coach. Er sei ein Freund. Und wie das so ist unter Freunden, sprachen sich die beiden aus. «Man kann nicht immer einer Meinung sein. Mir war es aber ein Anliegen, damit nichts Negatives zurückbleibt.»

Man kann nicht immer einer Meinung sein. Mir war es aber ein Anliegen, darüber zu sprechen, damit nichts Negatives zurückbleibt

Und tatsächlich schien es, als hätte es diese letzten Monate nie gegeben, als die beiden am Donnerstag in Rom den Platz betraten. Norman bei der Vorbereitung. Es nieselte, der Sand war klebrig, die Bälle schwer, aber Wawrinka wirkte so gelöst wie schon lange nicht mehr.

Norman bleibt wohl an Bord

Dass er in den kommenden Wochen aus den Top 300 der Weltrangliste fallen könnte, lässt Wawrinka scheinbar unberührt. Er nimmt Tag für Tag, Spiel für Spiel. Und so abgedroschen das klingen mag – bei ihm ist alleine das schon ein Erfolg. Dass er mit Magnus Norman jenen Vertrauten an seiner Seite weiss, der ihm den Glauben an sich selbst schenkte, ist dabei sicher kein Nachteil. Es ist davon auszugehen, dass der Schwede wieder dauerhaft, aber mit reduziertem Pensum an Wawrinkas Seite bleibt.

Die Rolle, die Stan Wawrinka einst besetzte, die des Herausforderers der grossen vier, gibt es nicht mehr. Zwar dominiert Rafael Nadal auf Sand noch immer, und Federer war kurzzeitig die Nummer 1, doch dahinter hat sich noch keine neue Hierarchie gebildet. Welche Nische Wawrinka künftig be setzt, ist eine Frage von existenziellem Charakter. Denn wie sehr Zweifel und Orientierungslosigkeit seinen inneren Kompass stören, haben die letzten Monate bewiesen.

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