Djokovics Magerwahn

Wie das Streben nach Perfektion den Serben in eine Sackgasse führt.

Als er nach dem ersten Satz beim 6:3, 6:4, 6:4-Erfolg gegen den Brasilianer Rogerio Dutra Silva (ATP 134) beim Shirt-Wechsel den Oberkörper entblösst, ist jeder Wirbel zu erkennen, auch die Rippen zeichnen sich deutlich ab. Über zwei Jahrzehnte hat Novak Djokovic seinen Körper geformt. Mit inno vativen Trainingsformen. Mit eiserner Disziplin. Mit Yoga. Mit Meditation. Auch ein mal im Graubereich des Erlaubten, oft an der Grenze zu dem, was noch als gesund be zeichnet werden kann. Novak Djokovic, 31-jährig, 223 Wochen die Nummer 1 der Welt, 12-facher Grand-Slam-Sieger, ist 1,88 Meter gross. Gemäss Angaben der ATP wiegt er 77 Kilogramm. Doch wer in Paris Bilder des Serben sieht, dem fällt schwer, diesen Zahlen Glauben zu schenken.

Wer verstehen will, wie es so weit kommen konnte, findet in den Anfängen seiner Karriere Antworten. Sie sind geprägt von Atempro blemen, Schmerzen in der Brust und Übelkeit. Erst als der serbische Arzt Igor Cetojevic, ein Mann mit weissem Ziegenbärtchen, den unsichtbaren Feind in seinem Körper entdeckt, wird er zum Seriensieger. Es ist das Kleber-Eiweiss Gluten, ein Stoffgemisch aus Protein, vornehmlich in Getreide zu finden. Djokovic verträgt es nicht und ernährt sich seither glutenfrei. Die Folge: Er wird immer dünner – und immer erfolgreicher. Djokovic ist fitter und schneller als seine Kontrahenten, weil er in keinem Bereich seines Lebens Kompromisse eingeht. Auch bei der Ernährung nicht. Er trinkt warmes Wasser, Lakritztee oder Proteinshakes aus Erbsen. Auf dem Speiseplan stehen neben Avocados, Cashewnüsse und Manuka-Honig, den er aus Neuseeland importiert. Krämpfe, Blähungen, Durchfall und Atemprobleme gehören der Vergangenheit an. Die Umstellung der Ernährung gilt seither als Erklärung dafür, wie Djokovic es schaffen konnte, aus dem Schatten von Federer und Nadal zu treten.

Auch er sieht das so. Ausschweifend und zuweilen lehrerhaft doziert er zum Thema. 2013 gibt er ein Buch heraus. «Serve to Win» enthält auch einen 14-tägigen Ernährungs plan, dessen Befolgung ein körperliches und geistiges Hochgefühl entfalten soll; erreicht durch eine kohlenhydratarme Diät und Verzicht auf Zucker. Es ist eine Anleitung zur Askese. Am Sonntag, 5. Juni 2016, sitzt Novak Djokovic in Paris strahlend neben der Coupe des Mousquetaires. Er hat soeben erstmals die French Open gewonnen. Er ist jetzt Titelhalter bei allen vier Grand-Slam-Turnieren.

Djokovic gilt als bester Tennisathlet der Gegenwart, als Prototyp: Drahtig, schnell, kräftig, beweglich. Niemand widerspricht ihm. Niemand schöpft Verdacht. Keiner sagt, es gehe zu weit, dass selbst sein Hund Pierre glutenfreies Futter erhalte. Keiner schlägt Alarm. Dabei wird rückblickend klar, dass aus Interesse an gesunder Ernährung längst Obsession geworden war.

Das sieht auch Ernährungsberater Jürg Hösli so. Der Zürcher sagt: Djokovic leidet an der Essstörung Orthorexie. Das Perfide: Zunächst verbessert sich die Leistungsfähigkeit spürbar. Man fühlt sich stärker und besser, weil der Körper mehr Sauerstoff aufnimmt. Zugleich wird der Laktatgehalt reduziert. Es handelt sich dabei um einen Abfallstoff, der sich bildet, wenn der Muskel überlastet wird, aber auch um eine wichtige Energiequelle im Grenzbereich. Verliere der Muskel die Fähigkeit, Laktat zu produzieren, habe das schwerwiegende Folgen. Man werde anfällig für Allergien und Intoleranzen, werde dünnhäutiger und verliere die Stressresistenz. Man werde in allen Lebensbereichen weniger leistungsfähig.

Anleitung zum Burnout

Djokovic habe einen defekten anaeroben Stoffwechsel, der Abstieg sei selbst verschuldet, sein Buch «Anleitung zum sport lichen und psychologischen Burnout». Helfen könne nur: mehr Kohlenhydrate und Zucker. Nur so könne der Körper wieder mehr Laktat produzieren. Doch der müsse erst wieder lernen, damit umzugehen. Das alles klingt alarmierend, auch ein wenig populistisch. Doch die Reaktion Djokovics lässt erahnen, dass auch er sich Gedanken dazu macht. Als er Anfang Mai in Rom von der serbischen Zeitung «Novosti» darauf angesprochen wird, sagt er: «Ich möchte mich nicht dazu äussern, weil die Leute die Dinge verdrehen.» Über seine Ernährung will er schon lange nicht mehr reden.

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