Ein drittes Wunder

Nachdem sie im Frühling eine Fehlgeburt erlitten hat, erwartet Nicola Spirig (36) im April ihr drittes Kind. Dennoch strebt sie bei den Olympischen Spielen 2020 in Tokio eine Medaille an.

Es sind sehr persönliche und wohl überlegte Worte, die Olympia-Siegerin Nicola Spirig wählt. Sie hat freudige Nachrichten, aber auch solche, die nachdenklich stimmen. Am Fuss des Üetlibergs verkündet sie, dass sie und ihr Mann Reto Hug Ende April 2019 zum dritten Mal Eltern werden. «Wir sind unbeschreiblich glücklich und freuen uns sehr darüber.»

Gemessen an den Resultaten sei ihre Saison nicht die beste gewesen, sagt Spirig. Und dennoch sei sie besonders stolz über diese. Denn Nicola Spirig hat das durchgemacht, was jede dritte Frau durchmacht: «Ich war im Frühling schon einmal schwanger, habe aber im April eine Fehlgeburt erlitten.» Es fällt ihr schwer, ihr Innerstes nach aussen zu kehren, über ein derart persönliches und trauriges Erlebnis zu sprechen.

Doch sie wollte keine Maske tragen wie im vergangenen Frühling, als sie über ihre sportlichen Ziele reden musste, obwohl sie lieber verkündet hätte, dass sie schwanger ist. Statt sich auf den Nachwuchs zu freuen, trainierte sie, bestritt zuletzt fünf Wettkämpfe in drei Wochen und wurde erneut Europameisterin.

Durch das traurige Ereignis wurde und doppelt bewusst, dass wir wahnsinnig viel Glück haben mit unseren beiden gesunden Kindern.

Nicola Spirig

Sie habe in dieser schwierigen Zeit auch gemerkt, wie wichtig der Sport für sie als Mensch ist. Nicht der Wettkampf, sondern als Ausgleich und als Balsam für die Seele. Daran habe sich nichts geändert. Es sei ein Privileg, Familie und Spitzensport verbinden zu können. «Und durch das traurige Ereignis im Frühling wurde uns doppelt bewusst, dass wir wahnsinnig viel Glück haben mit unseren beiden gesunden Kindern.» Die Familie stehe an erster Stelle, auch darum habe sie den Wunsch nach einem dritten Kind höher gewichtet als die Olympischen Spiele 2020 in Tokio, die nach Athen, Peking, London und Rio de Janeiro bereits ihre fünften wären. «Aus sportlicher Sicht macht es keinen Sinn, jetzt ein Kind zu bekommen», sagt Spirig. Doch hätten sie bis nach Tokio gewartet, wäre der Abstand zu Yannis (5) und Malea Lexi, die im vergangenen Jahr zur Welt kam, zu gross gewesen. «Es kann nicht sein, dass wir unseren Kinderwunsch für Olympische Spiele riskieren.»

Nach der Geburt ein Jahr Zeit

Ihren Trainingsumfang hat sie reduziert. Auch, weil sie älter wird. «Wir haben jetzt ein neues Projekt, das ist spannend.» Erstmals überhaupt mache sie Krafttraining, denn mit zunehmendem Alter nimmt die Kraft ab, ebenso die Spritzigkeit. Nach der Geburt habe sie noch über ein Jahr Zeit, um bei den Olympischen Spielen in guter Form zu sein. Sie trainiere heute intensiver, aber kürzer.

An ihren sportlichen Zielen lässt Nicola Spirig indes keine Zweifel aufkommen. «Ein siebter Platz interessiert mich nicht, das ist klar.» Als sie ihren Trainer gefragt habe, ob er glaube, dass sie in Tokio eine Medaille holen könne, habe dieser gesagt: «Du verlangst ein drittes Wunder von mir. Normale Leute haben nur ein Wunder im Leben.» Doch es sei allen klar, wie gross die Herausforderung sei. Doch viel wichtiger sei nun für sie, dass die Schwangerschaft möglichst gut verlaufe. Im Training steht derzeit das Radfahren im Fokus. Das Laufen werde erst in der Endphase wichtig, «damit ich dann in Tokio allen davonrennen kann».

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