Eine unendliche Geschichte

Roger Federer schreibt mit seinem sechsten Triumph in Melbourne ein weiteres glorioses Kapitel. Doch noch ist seine Geschichte nicht zu Ende erzählt. Die Analyse.

Sie gleichen sich, die Bilder. Als Roger Federer die Fassung verliert, zieht Marin Cilic sein letztes Ass aus dem Ärmel: die Challenge. Wie schon im Vorjahr Rafael Nadal. Doch der zweite Aufschlag – er war auf der Linie. Punkt Federer, Satz Federer, Sieg Federer, Titel Federer: 6:2, 6:7, 6:3, 3:6, 6:1 in etwas mehr als drei Stunden. Er feiert bei den Australian Open seinen 20. Grand-Slam-Titel. «Unglaublich. Das Märchen geht weiter», sagt er. Rod Laver, selber eine Tennis-Legende, hält die Szenen mit dem Handy fest. Bei der Siegerrede bringt Federer gerade noch den Dank an sein Team über die Lippen. Dann versagt ihm die Stimme, es fliessen die Tränen – mal wieder. Und wieder gleichen sie sich, die Bilder. Bei ihm, der das Siegen doch gewohnt ist.

Roger Federers Siegerrede nach dem 20. Grand-Slam-Titel. 

Das Ringen um Erklärungen

Bei 30 von 72 Grand-Slam-Turnieren stand er im Final, bei 20 gewann er die Trophäe. 14 Jahre nach dem ersten Triumph in Melbourne ist er neben Djokovic und Ken Rosewall auch hier mit sechs Titeln Rekordsieger. Wieder beginnt das Ringen um Worte, die Suche nach dem Verborgenen, nach Erklärungen auch, der Essenz, die das Phänomen Federer erklärbar machen würde. Nicht nur Experten beissen sich an dieser Aufgabe die Zähne aus – auch Literaten und Philosophen sind der Versuchung erlegen, sein Tun in Worte fassen zu wollen.

Vor zwölf Jahren erscheint das erste Werk, «Das Tennisgenie», von René Stauffer. Es wurde alleine in der Schweiz über 35’000 Mal verkauft und in neun Sprachen übersetzt. Doch wer sich die Erstauflage gesichert hat, dem fehlen ein paar der aufregendsten Kapitel: der Sieg bei den French Open 2009, Olympia-Gold, der schleichende Niedergang und die Rückkehr im Vorjahr. Wie aus dem Sportler erst eine Weltmarke, dann das Oberhaupt einer Grossfamilie und zuletzt das Gesicht seines Sports wurde.

Zum sechsten Mal triumphiert Roger Federer in Melbourne.

15-jährig erklärte Federer einmal seine Faszination für das Tennis, davon besessen, in diesem Rechteck mit dem Netz nicht den Gegner, sondern den Ball, seinen Freund und Feind zugleich, zu beherrschen. «Man sollte perfekt spielen können», sinnierte er. Es steht heute mehr denn je für seine Haltung zum Tennis, das für ihn mehr Lebensstil als Sport ist. Gäbe es diesen einen Athleten, der am Reissbrett fürs Tennis entworfen würde: Er käme dem Idealbild ziemlich nahe – kreativ, mit virtuosem Schlagarsenal, leichtfüssig, elegant und doch eiskalt im Moment der Wahrheit.

Gäbe es diesen Athleten, der am Reissbrett fürs Tennis entworfen würde: Federer käme dem Idealbild ziemlich nahe – kreativ, mit virtuosem Schlagarsenal, leichtfüssig, elegant und doch eiskalt im Moment der Wahrheit

Das ist der Federer auf dem Platz, das war er schon immer. Doch es gibt auch jenen daneben: Nahbar, charmant, aufrichtig, humorvoll. Die Werte, für die er steht, weisen eine verblüffende Kongruenz mit jenen auf, die dem Tennis zugrunde liegen: Demut, Respekt, Bescheidenheit und Hingabe. Müsste man die letzten Jahre in ein Kapitel giessen und ihm einen Titel geben: es wäre die Verwandlung zum Botschafter. Federer, der von sich sagt, er sei früher einfach nur ein normaler Junge gewesen, der sich getraut habe, grosse Träume zu haben.

Viel zu oft geht dabei vergessen, dass solche Träume meist nur dann in Erfüllung gehen, wenn sie Hand in Hand gehen mit Opferbereitschaft, Wille und Arbeitsethos. Hinter der glitzernden Fassade, dem Glamour, dem Wahnsinn auch, der ihn umgibt, steckt ein Arbeiter. Es ist das Los des Künstlers, dass selbst das einfach aussieht, was beschwerlich ist. Aus Angst vor einer Verletzung verzichtet er neben dem Tennis auf Sport: kein Squash, kein Ski, kein Fussball.

Ein Meister der Reduktion

Roger Federer hat sich zum Meister der Reduktion gewandelt und Gefallen am schlanken Spielplan gefunden. Das Interesse an ihm ist dadurch nur noch grösser geworden. Inzwischen geht seine Strahlkraft weit über diesen Wanderzirkus hinaus. Längst wird er in einem Atemzug mit den Grössten der Sportgeschichte genannt. Weil er bodenständig und doch weltmännisch ist. Bescheiden und doch selbstbewusst. Weltbürger und doch durch und durch Schweizer. Und weil Roger Federer Bekanntheit nie mit Bedeutung verwechselt.

Heute gibt es im Tennis kaum einen Rekord, den er nicht hält. Alleine das macht ihn zur Ikone der Sportgeschichte. Auch wenn ihm die gesellschaftspolitische Bedeutung eines Muhammad Ali, der mit seinem Kampf für die Gleichberechtigung der Afroamerikaner und dem Bekenntnis zum Islam das Sprachrohr zweier Minderheiten wurde. Federer wollte das nie. Er sieht in sich keinen Rebellen, sondern einen Philanthropen. Bis Ende des Jahres sollen eine Million Kinder in den ärmsten Regionen Afrikas Zugang zu Bildung erhalten. Im April hat Federer einen Besuch in Sambia geplant.

Für einen, der so Aussergewöhnliches leistet, führt er ein erstaunlich gewöhnliches Leben. Eines im Luxus, klar, aber auch eines mitten in der Gesellschaft, obwohl er im Schaufenster der Weltöffentlichkeit sitzt

Für einen, der so Aussergewöhnliches leistet, führt er ein erstaunlich gewöhnliches Leben. Eines im Luxus, klar, aber auch eines mitten in der Gesellschaft, obwohl er im Schaufenster der Weltöffentlichkeit sitzt, immer im Fokus der Kameras und Mikrofone. Federer wehrt sich mit Erfolg dagegen, Geisel seiner Popularität zu werden. Er fährt mit seinen Kindern im «Drämmli». Er holt sie von der Skischule ab. Er mischt sich an der Basler Fasnacht unters Volk. Er steht im Schwimmbad für eine Glace Schlange. Anderswo wäre das undenkbar. Doch Federer hat sich diesen Freiraum verdient – mit der Normalität, die er vorlebt.

Einzigartiger Enthusiasmus

Im Prinzip gab es viele Möglichkeiten, die Karriere zu beenden. Vor einem Jahr nach dem Sieg gegen Nadal. Im Sommer nach dem achten Wimbledon-Titel. Und nun nach dem 20. Grand-Slam-Erfolg. Doch Federer sagt: «Ich muss nicht auch noch kitschig aufhören.» Seit seiner Verletzung am Knie kostet er jede Sekunde aus, die er auf den Bühnen, die ihm die Welt bedeuten, stehen darf. Danach gefragt, was ihn antreibt, lautet die Antwort immer gleich: die Liebe zum Spiel.

Seine Leidenschaft, der Ehrgeiz und der Enthusiasmus – sie verblüffen jeden um ihn herum. Ex-Profi Fabrice Santoro sagt: «Im Kopf ist Roger 16 Jahre alt, in den Beinen 26 und im Pass 36.» Auch Roger Federer wird älter. Auch seine Zeit läuft irgendwann ab. Doch noch ist es nicht so weit. Sein sechster Sieg bei den Australian Open ist nur ein weiteres glorreiches Kapitel. Noch treibt ihn die Freude am Spiel an. Noch ist seine Geschichte nicht zu Ende geschrieben.

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