Federers Schoggileben

Während andere Rummel als zermürbend empfinden, schöpft Roger Federer (36) daraus sogar Inspiration.

Vierfacher Vater, Ehemann, Sohn, Onkel, Tennis-Profi, Präsident der eigenen Stiftung. Wer so viel unter einen Hut bringen muss wie Roger Federer, freut sich an Routinen. Eine davon ist, dass er im Vorfeld seines Heimspiels in Basel bei den Swiss Indoors Termine bei den hier ansässigen Sponsoren wahrnimmt. Im Vorjahr, als er wegen einer Blessur fehlte, stattete er Kaffeemaschinen-Produzent Jura einen Besuch ab. «Roger gibt seinem Gegenüber immer das Gefühl, es sei für ihn der wichtigste Mensch auf der Welt», sagte CEO Emmanuel Probst in diesem Sommer zum «SonntagsBlick». Für jeden nehme er sich ausführlich Zeit, um zu plaudern, oder für ein gemeinsames Erinnerungsfoto.

In diesem Jahr hatte Roger Federer im Vorfeld des Turniers sprichwörtlich einen Schoggijob: Am Hauptsitz von Sponsor Lindt & Sprüngli in Kilchberg im Kanton Zürich traf er einige seiner Anhänger aus Fernost, die sich auf Einladung als Maître Chocolatier versuchen durften. Doch unbestrittener Höhepunkt der Reise ins Herz Europas ist dabei das Treffen mit Federer. «Er ist eine wunderbare Person. Meine Hände und Beine zitterten, als ich zu ihm ging. Das ist einer der schönsten Tage in meinem Leben», beschreibt die Japanerin Yui Asano diesen Moment.

Alles inszeniert. Alles perfekt durchgetaktet. 15 Minuten Fragerunde, dann 15 Minuten für Fotos. Alle Beteiligten sind darauf bedacht, den Zeitplan minutiös einzuhalten, denn einer wie Roger Federer, wohl der grösste globale Star, den die Schweiz bisher hervorgebracht hat, ist viel beschäftigt, ständig in Eile, gestresst von der Fülle seiner zahlreichen Verpflichtungen. Könnte man meinen. Denn wer Roger Federer dabei beobachtet, wie er mit dem umgeht, was auf ihn einprasselt, wird den Verdacht nicht los, dass er all das sogar ein wenig geniesst.

«Jetzt gilt es ernst!»

Federer selber sagt es so: «Wenn es viel zu tun gibt vor dem Turnier, merke ich, dass der Druck grösser wird. Es gibt mir das Gefühl: Jetzt gilt es ernst! Und das gefällt mir.» Termine mit Sponsoren, Fans, Medien – all das sieht er nicht als notwendiges Übel, sondern als Teil seiner Rolle als Botschafter seines Sports. Selten, auch nach Niederlagen nicht, ist er kurz angebunden. Was Roger Federer tut, tut er mit unvergleichlicher Hingabe und Ausdauer. Demut und Bescheidenheit sind dabei die elementaren Treiber. Wie er dem Rummel um seine Person begegnet, überrascht selbst seine Nächsten. Nebenschauplätze, die anderen Energie rauben, scheinen ihn sogar noch zu inspirieren.

Seit knapp zwei Jahrzehnten bereist er die Welt, spielt mal hier, mal dort. Überall steht er im Zentrum des Interesses. Marat Safin, Lleyton Hewitt, Andy Roddick, Juan Carlos Ferrero sind alles Spieler aus der Generation von Roger Federer. Sie alle gewannen vor ihm ein Grand-Slam-Turnier, sie alle bestiegen vor ihm den Thron der Weltrangliste. Ihr Stern glühte früher als der des Schweizers, der von vielen bereits als ewiges Talent abgestempelt worden war, weil er mit 22 Jahren immer noch kein Grand-Slam-Turnier gewonnen hatte und 2003, bei den French Open in Paris als Mitfavorit angetreten, wieder einmal eine enttäuschende Niederlage in der ersten Runde erklären musste.

Und nun? Safin beendete die Laufbahn vor acht Jahren. Roddick und Ferrero zogen 2012 einen Schlussstrich. Nur Hewitt, bis heute die jüngste Nummer 1 der Welt, hielt bis im letzten Jahr durch. Doch im Gegensatz zu Federer gehörte er im letzten Jahrzehnt nach zahlreichen Verletzungen längst nicht mehr zur Weltspitze. Letztmals wurde Hewitt 2006, elf Jahre vor dem Rücktritt, in den ersten zehn der Weltrangliste geführt. Ihr Stern glühte früher als jener Federers, ebenso schnell war er verglüht – und nie strahlte er so hell wie der des 19-fachen Grand-Slam-Siegers, der heute als erfolgreichster Spieler der Tennisgeschichte gilt.

Federer ist 36 Jahre alt und damit der mit Abstand älteste im Kreis der Top Ten. Gestern besiegte er im Basel-Viertelfinal den Franzosen Adrian Mannarino (29, ATP 28) in seinem 1376. Spiel auf der Profi-Tour mit 4:6, 6:1, 6:3. Nur der Amerikaner Jimmy Connors, der seine Karriere erst im Alter von 43 Jahren beendete, hat noch mehr Spiele (1535) bestritten als er. Ein Ende seiner Karriere ist nicht in Sicht, auch wenn Federer sagt: «Ich werde nicht ewig spielen. Und vielleicht höre ich früher auf, als die Leute denken.»

Vom Privileg, die Welt zu bereisen

In Basel wird er gefragt, wen er sich als Trainer von Stan Wawrinka vorstellen könne. «Ich habe einen Namen im Kopf, aber ich werde nicht verraten, welchen. Netter Versuch», witzelt er. Selbst am Frage-Antwort-Spiel findet er Gefallen. Als ihn die «Schweiz am Wochenende» im Februar in Lenzerheide trifft, sagt Federer: «Reisen, Autogramme, Fotos, das Erkanntwerden – das alles empfinde ich nicht als mühsam. Es ist ein Privileg, die Welt zu bereisen und Menschen zu treffen. Dass ich das mit der Familie erleben darf, macht es noch schöner.» Was andere als lästig empfinden, scheint ihm Freude zu bereiten. Aber, und darauf legt Federer Wert, nichts geniesst er so sehr wie das: das Gefühl des Gewinnens.

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