Gandhi, Jesus, Tiger Woods

Mit bisher unveröffentlichten Videoaufnahmen und Interviews mit Geliebten, Freunden und Weggefährten zeichnet der Dokumentarfilm «Tiger» Aufstieg, Fall und Comeback der Sportikone Tiger Woods nach.

Vater Earl glaubte, dass er dereinst der wichtigste Mensch sein wird, der je gelebt hat. Wichtiger als Mahatma Gandhi. Wichtiger als Nelson Mandela. Ein Jesus des Golf-Sports. Ein Auserwählter. «Mein Herz ist voller Glück, wenn ich daran denke, dass dieser junge Mann so vielen Menschen helfen wird. Die Welt wird durch ihn und seine Existenz zu einem besseren Ort. Das ist mein Schatz. Nehmen Sie ihn an. Und geben Sie auf ihn Acht.»

Sein Name: Eldrick Tont «Tiger» Woods, damals 21-jährig.

Golfer Tiger Woods ist zu einer Person der Zeitgeschichte geworden.

Der Golfer Tiger Woods ist Earl Woods‘ Kreation. «Wir können ihm nicht vorschreiben, was er werden soll. Jeder von uns muss sein eigenes Leben leben. Und er hat die Wahl, sein Leben zu leben, wie er es leben möchte», sagt Earl Woods zu Beginn des zweiteiligen Dokumentarfilms «Tiger» über den damals 7-Jährigen, einen schüchternen Jungen, der stottert und keine Freunde hat. Mit bisher unveröffentlichtem Archivmaterial und Interviews mit Geliebten, Freunden und Weggefährten zeichnet der Film Aufstieg, Fall und Comeback der Sportikone Tiger Woods nach.

Tiger Woods 1998 mit seinem Vater Earl Woods.

Seine erste Freundin, Dina Parr, steuerte Aufnahmen bei, die Tiger Woods zeigen, wie man ihn noch nie zuvor gesehen hat. Tanzend, unbeschwert, voller Leben. Doch das junge Glück zerbrach, nachdem Woods ohne das Wissen seiner Eltern eine Nacht bei der Freundin verbracht hatte. Dina Parr hat den handschriftlich verfassten Brief, in dem Tiger Woods (oder seine Eltern) ihr die Trennung eröffnen, aufbewahrt und liest daraus vor:

Ich schreibe Dir, um Dich darüber zu informieren, dass ich sehr wütend und enttäuscht von Dir bin. (…) Meine Eltern, und auch ich, wollen nie wieder mit Dir reden oder von Dir hören. Wenn ich an unsere Beziehung zurückdenke, fühle ich mich von Dir und Deiner Familie benutzt und manipuliert. Ich hoffe, der Rest Deines Lebens verläuft gut für Dich.

Der erste Teil beschäftigt sich mit dem Aufstieg. Der zweite Teil behandelt Fall und Comeback. Er endet mit dem Gewinn des Masters 2019 in Augusta, was ihm kaum jemand zugetraut hatte. Es ist ein schönes, aber nicht das perfekte Ende einer Geschichte, die noch nicht zu Ende erzählt ist. Denn Mitte Dezember, als der Dokumentarfilm vermutlich bereits fertig geschnitten war, spielte Woods mit seinem Sohn Charlie (12) bei einem Vater-Sohn-Turnier. Es wäre die perfekte Klammer für «Tiger» gewesen. Denn seine eigene Geschichte beginnt mit einem Vater, der seinen Sohn zur absoluten Perfektion treibt und mit Erwartungen belegt, die niemand erfüllen kann. Und die vermutlich zu seinem Absturz geführt haben.

Tiger Woods mit Sohn Charlie bei einem Vater-Sohn-Turnier.

Ende Februar 2021 kreuzte Tiger Woods ausserhalb von Los Angeles mit seinem Geländewagen den Mittelstreifen, überquerte die Gegenfahrbahn, streifte einen Baum, überschlug sich mehrfach, ehe das Fahrzeug im Strassengraben seitlich zum Liegen kam. Totalschaden. Um den 45-Jährigen zu bergen, mussten die Sanitäter die Frontscheibe einschlagen. Woods brach sich an mehreren Stellen das Schien- und Wadenbein im rechten Unterschenkel. Der Knochen wurde mit einem Stab im Schienbein stabilisiert. Erst drei Wochen später konnte er das Spital verlassen. Die Umstände bleiben mysteriös: Tiger Woods kann sich nicht an den Unfall erinnern. Und noch viel alarmierender: Er soll nicht gebremst haben.

Im Februar 2021 verunfallte Tiger Woods mit seinem Auto schwer.

Es ist die jüngste Episode in einem Leben, das zwischen Heldenepos und Tragödie oszilliert, zwischen glorioser Auferstehung und beschämendem Niedergang. Immer im Schaufenster der Öffentlichkeit. Die Frage stellt sich: Was ist dieses Leben für Tiger Woods – Traum oder Albtraum?

Für Filmemacher ist seine Lebensgeschichte vor allem eines: das perfekte Drehbuch – faszinierend kitschig, aufreizend perfekt, später mit peinlich berührender Obszönität. Eine Tragödie, die mit einer Auferstehung endet.

Faszinierend kitschig. Mit 21 Jahren gewinnt Tiger Woods in Augusta als Jüngster der Geschichte ein Majorturnier im Golf. Im gleichen Jahr wird er zur jüngsten Nummer 1 der Welt. Zwei Mal wird er zum Weltsportler gekürt, bis 2008 gewinnt er 14 Majorturniere, wird erster Sport-Milliardär und führt während 683 Wochen die Golf-Weltrangliste an. Tiger Woods, der Schwarze im Sport der Weissen, bei dem die Spieler weiss und die Caddys schwarz sind, macht Golf zum Massenphänomen. Als er 2009 bei den US Open fehlt, brechen die TV-Einschaltquoten um 40 Prozent ein.

Aufreizend perfekt. Woods gründet die Tiger Woods Foundation, die sich um die Förderung und Unterstützung von Kindern und Jugendlichen in den USA kümmert. 2004 heiratet er das schwedische Model Elin Nordegren. 2007 kommt Tochter Sam Alexis zur Welt. 2009 Sohn Charlie Axel.

Tiger Woods mit Elin Nordegren, Sam Alexis und Charlie Axel und Hunden.

Peinlich obszön. November 2009, 02.30 Uhr. Tiger Woods, barfuss am Steuer, überfährt mit seinem Cadillac einen Hydranten und rammt dann einen Baum auf dem Grundstück eines Nachbarn in der Privatsiedlung Isleworth ausserhalb von Orlando, Florida. Die Fassade des Saubermanns zerfällt zu Staub, nachdem öffentlich wird, dass Woods über Jahre einem promiskuitiven Doppelleben gefrönt und sich mit einem halben Dutzend Frauen verlustiert haben soll, darunter eine Pornodarstellerin, und die damals 21-jährige Nachbarstochter. Woods verliert fast alles: seine Ehe wird geschieden, Freunde wenden sich von ihm ab, Sponsoren lassen ihn fallen, der Körper rebelliert. Im Februar 2010 verliest er ein Statement:

«Ich dachte, ich komme mit allem davon. Ich hatte das Gefühl, mein ganzes Leben lang hart gearbeitet zu haben und es verdient, alle Versuchungen um mich herum zu geniessen. Ich fühlte mich berechtigt. Dank Geld und Ruhm musste ich nicht weit gehen, um sie zu finden.»

Tiger Woods – der Ehebrecher, ein Sexsüchtiger.

Tragisch. Zu den privaten Problemen kommen körperliche. Weil zwei Lendenwirbel versteift sind, muss Woods seinen Schwung anpassen. Er wird vier mal am Rücken operiert. Er kann kaum mehr gehen, nicht sitzen und nur schlecht atmen. Schmerzmittel bieten einen Ausweg aus dem Martyrium. Woods wird abhängig. Im Sommer 2017 wird er mitten in der Nacht schlafend in seinem Auto von der Polizei aufgegriffen, vollgepumpt mit Schmerzmitteln und Psychopharmaka. Das Polizeifoto von damals zeigt einen gebrochenen Mann. Tiger Woods war am Tiefpunkt angelangt.

Tiger Woods 2017 nach seiner Festnahme – zugedröhnt mit einem Mix aus Schmerzmitteln und Medikamenten gegen Angststörungen.

Die Kontrolle über sein Leben verliert er, als Vater Earl, den er als besten Freund bezeichnet, im Frühling 2006 verstirbt. In den Jahren zuvor hatten sie sich entfremdet. Vieles war unausgesprochen geblieben. Vielleicht auch deshalb, weil aus Tiger Woods das geworden war, was er an seinem Vater verachtet hatte: ein Schürzenjäger. So erzählt es ein Freund der Familie. Denn während sein Sohn am Abschlag feilte, vergnügte sich der Vater in einem gemieteten Wohnmobil, das er neben dem Golfplatz parkiert hatte.

2017 wird Tiger Woods von der Polizei aufgegriffen.

Schon als junger Erwachsener suchte Woods ein Ventil. Er wollte sich vor der Kunstfigur «Tiger» verstecken, dem Roboter, wie seine erste Freundin Dina Parr sagt. Sie zeichnet das Bild des hypermaskulinen Golfers, der selbstbewusst über den Platz stolzierte – und im Leben verloren wirkte. Er begann zu tauchen, «weil die Fische da unten nicht wissen, wer ich bin.»

Nach dem Tod des Vaters, der im Vietnam-Krieg gedient hatte, begann er zu schiessen, trainierte mit den Navy Seals und spielte mit dem Gedanken, das Golfen aufzugeben. Es war der Versuch, vor dem Pakt zu flüchten, den der Vater mit dem Teufel eingegangen war, bevor Woods sprechen konnte.

Im Alter von zwei Jahren hatte Tiger Woods in der Bob Hope Show seinen ersten TV-Auftritt.

Zu verheissungsvoll war, was er anzubieten hatte. Ein Afroamerikaner mit indianischer, chinesischer, thailändischer und holländischer Herkunft, praktizierender Buddhist. Ein sportliches und kulturelles Phänomen. Ein Afro-Amerikaner, der eine weisse Bastion betritt und sie dominiert wie keiner vor und keiner nach ihm. Der tiefe Fall machte seine Geschichte noch besser. Sie hat aus Tiger Woods eine Projektionsfläche für Jedermann gemacht: für Sieger und Verlierer, für Arme und Reiche, für Minderheiten. 2019 gelingt ihm ein sagenhaftes Comeback, als er das Masters in Augusta 22 Jahre nach seinem ersten Erfolg gewinnt. Es ist sein 15. Major-Sieg.

2019 gewinnt Tiger Woods in Augusta sein 15. Major-Turnier.

Tiger Woods ist ein Mensch mit Fehlern und Schwächen, der hinter der perfekten Fassade mit seinen Dämonen zu kämpfen hat. In ihm erkennen die Menschen das Gute und das Schlechte, das wir alle in uns tragen. Der Dokumentarfilm «Tiger» zeichnet ein überraschend vielschichtiges Porträt eines feinfühligen Menschen, der Ecken und Kanten besitzt. Es ist der bisher vielleicht spannendste und ehrlichsten Blick hinter die Fassade des Tiger Woods, dessen Leben sich zu einem Grossteil vor Kameras abgespielt hat. Vielleicht gerade deshalb, weil er selbst daran nicht mitgewirkt hat.

Vater Earl und die Maschinerie des Erfolgs wollten aus Eldrick Woods mehr machen, als er ist, und als er selbst sein wollte. Doch die Kunstfigur Tiger Woods ist tatsächlich zu einer Person der Zeitgeschichte geworden.

Im Mai 2019 verleiht der damalige US-Präsident Donald Trump Tiger Woods im Rosengarten des Weissen Hauses die Freiheitsmedaille.

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