«Wie in einer Beziehung»

Trainer Severin Lüthi spricht über seinen Alltag mit Roger Federer, Ausflüge mit dessen Kindern und Freundschaft.

Es ist Mittwoch, am Tag nach dem Erstrundensieg bei den Australian Open. Roger Federer sitzt mit Ivan Ljubicic an einem Tischchen. Als Belinda Bencic nach ihrer Niederlage das Spielerrestaurant betritt, umarmt Federer sie, muntert sie auf. Gleichzeitig nimmt sich Trainer Severin Lüthi Zeit für ein längeres Gespräch mit der «Schweiz am Wochenende».

Severin Lüthi, während wir hier sitzen, bespricht Ivan Ljubicic mit Roger Federer das Training. Wie teilen Sie sich die Arbeit eigentlich auf?
Severin Lüthi: Meist besprechen wir uns gemeinsam. Ivan denkt und fühlt immer noch wie ein Spieler und gegen viele ist er noch selber angetreten, das hilft enorm. Ich kann von Ivan lernen, und er von mir. Wir müssen auch nicht immer alle der gleichen Meinung sein. Eine der grössten Stärken Rogers ist, dass er sehr offen und ehrlich zu sich selber ist. Das ist eine Fähigkeit, die auch Stan Wawrinka hat: Sich immer wieder hinterfragen, in guten, aber auch in schlechten Momenten.

Team Federer: Sevein Lüthi und Ivan Ljubicic 2017 in Australien.

Unterscheidet diese Eigenschaft die Besten von den Guten?
Gut möglich. Wenn Roger ein Turnier gewonnen hat, sagt er sich nicht: «Hey, ich bin der Grösste und muss mir gar nichts mehr sagen lassen.» Er fragt sich trotzdem, was er noch besser machen kann. Ich kann ihm auch dann sagen: «Im Moment finde ich deine Spielweise oder deine Einstellung nicht gut.» Er hört sich das an.

Federer hat kürzlich gesagt, dass Sie nicht genügend Wertschätzung erhalten. Teilen Sie diese Einschätzung?
Wissen Sie, es gibt Menschen, nicht nur Coaches, die machen das nur, um sich zu promoten. Das ist nicht mein Ding. Aber für mich geht es darum, dass es für Roger stimmt. Ich könnte mehr Interviews geben und mich mehr in den Vordergrund stellen, aber was bringt das? Andererseits habe ich gelernt, dass es auch nicht klug ist, sich ganz abzugrenzen. Dann denken die Medien, du seist ein komischer Cheib, und wenn die Presse das dann dauernd schreibt, ist es nicht ausgeschlossen, dass das irgendwann auch Einfluss auf den Spieler nimmt. Da muss man aufpassen.

Ich habe Roger schon vor Jahren gesagt: Schau, ich reise nicht einfach als Freund mit dir um die Welt. Wenn ich dir helfen kann, mache ich das gerne. Aber ich möchte nicht dein Anhängsel sein.

Sie sind nicht nur Federers Trainer, sondern auch ein Freund. Ist das manchmal nicht auch schwierig?
Wir haben beide grosses Vertrauen in die Freundschaft. Ich glaube, für Roger ist das schwieriger. Er muss sich sagen können: Der Coach hat einen Mist erzählt, aber wir sind immer noch befreundet. Dafür musst du einen sehr ausgeglichenen Charakter haben, Roger hat das. Ich glaube nicht, dass es mit jemand anderem über so viele Jahre so einfach wäre wie mit ihm. Auch hier muss ich ihm ein Kränzchen winden. Ich habe Roger schon vor Jahren gesagt: Schau, ich reise nicht einfach als Freund mit dir um die Welt. Wenn ich dir helfen kann, dann mache ich das gerne. Aber ich möchte nicht dein Anhängsel sein.

Manchmal sieht man auch Bilder von Ihnen, wie Sie mit Federers Kindern unterwegs sind.
Für mich gehört das dazu. Wenn ich ihm als Freund helfen kann, dann mache ich das gerne. Und wenn das bedeutet, dass ich mit den Kindern mal in den Park gehe. Denn vielleicht helfe ich ihm damit auch als Spieler, weil er mehr Zeit für sich hat.

Befürchten Sie nicht, dass man dann in Ihnen einen Babysitter sieht?
Ich glaube, das ist inzwischen kein Thema mehr. Es kann sein, dass es Leute gibt, die das immer so sehen werden. Aber ich habe es nicht nötig, diese vom Gegenteil zu überzeugen. Ich schaue nicht darauf, wie etwas wirkt. Für mich ist in erster Linie wichtig, dass Roger Vertrauen zu mir hat.

Severin Lüthi ist nicht nur Trainer, sondern auch Freund der Familie.

Wie eng ist der Kontakt mit Federer an einem Turnier wie hier in Australien?
Hier sehen wir uns oft, wir wohnen auch im gleichen Hotel. Meistens fahren wir auch zusammen zur Anlage und zurück. Am Abend gehen wir regelmässig zusammen essen. Aber manchmal sind Freunde und Familie da. Dann ist es schwieriger.

Es ist wie in einer Beziehung. Man muss miteinander reden, tolerant und offen sein und auf der gleichen Wellenlänge.

Brauchen Sie nie Abstand?
Doch, klar, das ist schon wichtig. Auch Roger braucht das. Aber auch hier ist er sehr entspannt. Er hat gerne viele Leute um sich. Aber wenn du mehrere Wochen am Stück unterwegs bist, freut es dich auch, wenn du einmal jemand anderen treffen kannst. Es ist wie in einer Beziehung. Man muss miteinander reden, tolerant und offen sein und auf der gleichen Wellenlänge. Es kommt vor, dass ich Kollegen dabei habe. Wenn Roger dann fragt, ob ich zum Essen komme, sage ich auch einmal Nein.

Müssen Sie ihn eigentlich manchmal zum Training motivieren?
Im Gegenteil: Man muss ihn manchmal sogar bremsen. Roger würde nie sagen: «Morgen trainiere ich nicht, ich habe keine Lust.» Das ist schon unglaublich. Es gibt sonst keinen, der so viel Freude am Tennis ausstrahlt wie er. Bei allen anderen hast du das Gefühl, es sei harte Arbeit. Bei Roger hingegen merkst du, dass er es einfach gerne macht. In dieser Hinsicht ist er ein Phänomen. Der Enthusiasmus, den er ausstrahlt, ist auch für mich inspirierend. Wenn du so etwas im Leben findest, ist das ein grosses Privileg.

Bei Ihnen ist es das Coaching?
Auf jeden Fall, der Sport generell. Ich sage oft: Wenn wir um 9.00 Uhr in Zürich trainieren und ich komme aus Thun, dann stehe ich auch um 6.30 Uhr auf und stehe im Stau. Aber ich denke am Vorabend nicht: «Oh nein, morgen muss ich arbeiten.» Manchmal bin ich müde. Manchmal würde ich lieber etwas anderes machen. Aber ich habe nie da Gefühl, zur Arbeit gehen zu müssen. Auch das ist ein Privileg.

Was denken Sie über Menschen, die glauben, mit Roger Federer als Spieler würde jeder Trainer Titel gewinnen?
Es stört mich nicht, dass es Leute gibt, die das so sehen und ich muss sie auch nicht bekehren. Im Sport und im Tennis ist die Leistung eines Coachs schwer messbar und es ist klar: In erster Linie brauchst du einen guten Spieler. Aus Ihnen werde ich wohl keinen Wimbledon-Sieger mehr machen. Ich bin überzeugt, dass ich einen guten Job mache. Ich wäre nicht seit elf Jahren mit ihm unterwegs, wenn ich nicht vieles richtig machen würde. Andererseits bin ich nicht so verblendet, zu denken, dass wir immer alles richtig gemacht haben. Auch ich hinterfrage mich ständig.

Trainer Severin Lüthi spricht über seinen Alltag mit Roger Federer, Ausflüge mit dessen Kindern und Freundschaft.
Severin Lüthi: «Ich hinterfrage mich ständig.»

Sie sind seit dem vergangenen Sommer verheiratet, ändert das für Sie etwas?
Ich habe zwei Leben: eines auf der Tour und eines zu Hause. Dieser Spagat ist nicht immer einfach. Aber wir sind uns diese Situation seit vielen Jahren gewöhnt. Wenn wir Kinder hätten, würde sich wohl etwas ändern. Aber im Moment kann ich mir nichts Besseres vorstellen.

Einen Besseren als Roger gibt es nicht: Menschlich, vom Tennis her, und dass er auch noch SChweizer ist. Das ist kaum zu toppen.

Machen Sie sich keine Gedanken zur Zukunft nach Federers Karriere?
Ich weiss, dass es nicht noch fünf Jahre so weitergeht, darum versuche ich das jetzt auch zu geniessen. Natürlich besteht dann die Gefahr, dass du die Zukunft vergisst. Aber mir ist schon klar: Ich kann danach nicht aufhören, zu arbeiten. Es wird etwas Neues kommen, und das ist auch gut so.

Können Sie sich vorstellen, einen anderen Spieler zu trainieren?
Das ist eine von vielen Möglichkeiten. Aber einen Besseren als ihn gibt es nicht: Menschlich, vom Tennis her, und dass er auch noch Schweizer ist. Das ist kaum zu toppen. Und zum Glück stellt sich diese Frage derzeit gar nicht.

Und ein Wechsel in die Wirtschaft?
Ich habe viele Anfragen für Vorträge. Aber für mich ist es so: Wenn ich etwas mache, dann muss es Hand und Fuss haben. Das Firmencoaching wäre interessant. Denn es gibt viele Parallelen zum Sport. Wenn du im Sport überheblich bist, wirst du bestraft. Und im Leben ist es ähnlich. Im Sport und in der Wirtschaft geht es um Respekt, Demut und darum, dass Arbeit sich auszahlt. Das finde ich spannend.

Letzte Frage: Federer verteidigt in Melbourne den Titel, einverstanden?
Sagen wir es so: Es ist gut, zu wissen, dass er zu den Favoriten gehört. Aber am Ende zählt, dass du dich im richtigen Moment steigerst. Ob das gelingt, weisst du nie.

Zur Person
Seit zehn Jahren begleitet Severin Lüthi (42) Roger Federer. 1993 war er selber Schweizer Meister bei den Junioren. Sein höchstes ATP-Ranking erreichte er mit Platz 622. Seit 2005 ist Lüthi Captain des Schweizer Davis-Cup-Teams, das er 2014 zum Titel führte. Das Amt des Trainers von Roger Federer teilte er sich immer wieder – derzeit mit dem Kroaten Ivan Ljubicic. Severin Lüthi ist verheiratet und wohnt in Thun.

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