Zwei Sieger, zwei Welten

Roger Federer und Stan Wawrinka bewegen sich zwar im gleichen Zirkus, aber in zwei verschiedenen Welten.

Seitlich aufgenommen, übergross, mit kritischem Blick bildet «Das Magazin» 2012 Roger Federer auf seiner Titelseite ab. Ein Bild, aufgenommen an jenem Ort, der seine Karriere definiert wie kein zweiter: in Wimbledon. Dabei, das verrät ein Satz im unteren Bildrand, geht es im sechsseitigen Werk mit dem Titel «Die Kunst des Verlierens», «mal nicht» um ihn, sondern um den, der stets in seinem Schatten stand: Stan Wawrinka.  

Ein Porträt von Stan Wawrinka. Es beginnt mit: Roger Federer.

Es ist ein unfairer Vergleich. Denn mit Federer und Wawrinka, die sich im Australian-Open-Halbfinal zum 22. Mal messen, treffen zwei aufeinander, die sich zwar im gleichen Zirkus, aber doch in zwei verschiedenen Welten bewegen. Auch wenn ihre Karrieren seit dem Doppel-Olympia-Sieg 2008 oder dem Erfolg im Davis-Cup 2014 untrennbar miteinander verbunden sind. Auch wenn sie sich in Pierre Paganini den Fitnesstrainer teilen. Freunde sind sie geworden, aber ungleich geblieben.

Hier Federer, eine lebende Legende. Gekonnt parliert er in Deutsch, Englisch, Französisch. Er fühlt sich wohl. Dass er nach einer Verletzung zurückkehrt, im für Tennis methusalemischen Alter von 35 Jahren, liege auch daran, dass er Emotionen wie jene beim Sieg im Achtelfinal erleben wolle. Siege und Auftritte auf der grossen Bühne sind für ihn ein Lebenselixier.

Lausbub und Schweiger

Dort Wawrinka (31). Er bevorzugt es, in seiner Muttersprache Auskunft zu geben. Aufgewachsen ist er auf einem Bauernhof in Saint-Barthélemy, einem Dorf mit 700 Einwohnern, inmitten von Kühen, Schafen und Hühnern und mit Behinderten. «Ich war der Typ, den man übersieht.» Aber trainiert habe er wie ein Besessener. «Unglaublich diszipliniert», erinnert sich Jean-Claude Béguin, Klubpräsident in Echallens. Nur gesprochen habe der Junge kaum.

Hier Federer. Lausbub und Naturtalent. Gerne erzählen sie in Biel, wo eine Allee seinen Namen trägt, die Geschichten, wie er seine Trainer in den Wahnsinn trieb. Faul und unprofessionell sei er gewesen. «Auch in den letzten Jahren gab es Zeiten, in denen ich vier, fünf Wochen kein Racket in die Hand genommen habe.» Dort Wawrinka, der Arbeiter, der als Jugendlicher seine Karriere in Barcelona lanciert. «Niemand hat ihn gekannt, Stan blieb lieber für sich», erzählt Marco Chiudinelli im Herbst.

Als Wawrinka im Wanderzirkus Fuss fasst, ist Federer längst eine dominante Kraft. Für den Romand ist es Segen und Fluch zugleich. Segen, weil er in Federer einen Landsmann hat, der ihm mit Rat und Tat zur Seite steht. Fluch, weil er ab sofort nur «der andere Schweizer» ist. Dazu einer, der sich mit dem Rampenlicht ungleich schwerer tut. Applaus ist ihm unangenehm. «Nach Siegen verschwand er immer schnell in der Kabine, er konnte sich dem Publikum kaum zuwenden», erinnert sich sein einstiger Trainer Dimitri Zavialoff. Auf Fotos sieht sich Stan Wawrinka nicht gerne: «Das hat etwas Selbstverliebtes.» Bescheiden, gradlinig, introvertiert – so sucht er seinen Weg in einer Welt, in der es fast nur Verlierer gibt. Auch er ist lange einer.

Roger Federer und Stan Wawrinka.

«Ich bin der Schweizer, der verliert», sagt er einmal und erhebt es zur Kunst. Auf den linken Unterarm lässt er sich die Worte von Samuel Beckett stechen: «Immer versucht. Immer gescheitert. Egal. Versuch es wieder. Scheitere wieder. Scheitere besser.» Federer scheitert nur selten. Er ist kein Verlierer. Er gewinnt fast immer. Auch im Leben. Er heiratet Jugendfreundin Mirka, wird Vater von Zwillingsmädchen und Zwillingssöhnen. Australien, London, Paris – sie begleiten ihn fast überall hin.

Auch Stan Wawrinka ist Vater einer Tochter. Alexia wird im Februar sieben Jahre alt. Aber das Familienglück zerbricht. Überfordert sei er gewesen mit dem Stress, erzählt die Mutter nach der Trennung. Auch vorher hat ihn die Familie selten begleitet. Anders Federer, der in der Rolle aufgeht. «Ohne Mirka», sagt er, «hätte ich längst aufgehört.» Seine Rolle beflügelt ihn. Im Sommer 2009 gewinnt er als frischgebackener Vater in Wimbledon, kurz zuvor hatte er auch das einzige Mal in Paris triumphiert.

Favorit gegen Federer

Während Federer in den Alpen wandert, mit den Kindern an die Fasnacht geht und sie aus der Skischule abholt, verkriecht sich Wawrinka lieber in seinen eigenen vier Wänden, wenn er in der Schweiz ist. Auf die Strasse gehe er nur selten. «Das Tennis hat mir geholfen. Früher habe ich mich von der Welt abgekapselt», sagt er vor fünf Jahren.

Heute ist Wawrinka gegen Federer Favorit. Gegen Vergleiche wehrt er sich trotzdem. «Er, Nadal, Djokovic und Murray sind unantastbar.» Mit allen trainiert er, Federer nicht. Er steht gestern mit Blake Ellis auf dem Platz, einem Australier, eben erst 18 geworden. Es ist vielleicht auch der Ausdruck seines Anspruchs, selber der Beste zu sein.

«Ich bin glücklich, wo ich stehe», sagt Wawrinka. Nur manchmal spürt er, dass er immer da ist: Federer, Segen und Fluch zugleich. Dauernd werde er mit ihm verglichen, «da kann ich nur verlieren», sagt er vor fünf Jahren. Zwei Tage vor dem Halbfinal steht er auf dem Platz, wo er 2014 seinen ersten Grand-Slam-Sieg hat feiern können. Während Federer Episoden aus dem Familienalltag erzählt, spricht er lieber über das nächste Spiel. Wieder sind es zwei Welten, die aufeinanderprallen. «Es wird schwierig, ein paar Fans auf meine Seite zu bringen.» Er sagt es nicht wie einer, der im Schatten des anderen steht.

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